Rückblick 2011

1. Januar 2012 um 00:00 Uhr

2011 war für Sammler Historischer Wertpapiere und Liebhaber alter Aktien ein bewegtes Jahr. Wir erinnern uns: Das Wolfenbütteler Auktionshaus Freunde Historischer Wertpapiere, kurz FHW, um Michael Weingarten ließ es mit seiner gutbestückten 100. Versteigerung in Frankfurt ordentlich krachen. Die Konkurrenz HWPH aus Zorneding um Matthias Schmitt zog nach und konnte medienwirksam – vielleicht in dieser Form einmalig – mit dem Lehman-Erbe in Würzburg punkten. Sogar ins Fernsehen schaffte es der Auktionator. Die Spekulationen um mexikanische Staatsanleihen und andere Papiere, die unter Verdacht stehen, doch noch gültig zu sein, hielten ebenfalls an. Dazu erfreuen sich Nonvaleurs als Sachwerte in unruhigen Zeit zunehmend großer Beliebtheit. China und Russland sind nach wie vor die Lieblingssammelgebiete. Und die jährliche Rendite von Raritäten dürfte ihren Trend von zehn Prozent fortgesetzt haben. Hier nun die schönsten und seltensten Stücke des Jahres 2011, die unter den Hammer kamen. Eine Auswahl von mir für Sie.

1 | Die Aktie der Finanzkrise

Mit diesem Ergebnis hatte Auktionator Matthias Schmitt nicht in seinen kühnsten Träumen gerechnet. Den Ausruf für die alles andere als antike Aktie der amerikanischen Pleitebank Lehman Brothers hatte er bei 5.000 Euro festgesetzt, unter den Hammer kam sie in Würzburg für 24.000 Euro. „Es ist das Belegstück der Finanzkrise“, sagte Schmitt und kam mit der Aussage in viele Zeitungen und sogar in eine ARD-Sendung. Für das eher unpopuläre Hobby und seine Anhänger ein Segen. Die Lehman-Aktie mit der Seriennummer Eins hing ursprünglich im Büro des Vorstandschefs Richard Fuld. Die Bank wurde 1850 in Montgomery (Alabama) von den aus Rimpar bei Würzburg emigrierten jüdischen Brüdern Hayum, Mendel und Maier Lehman, Söhnen des fränkischen Viehhändlers Abraham Löw Lehmann, gegründet. Insofern war auch der Versteigerungsort wirklich passend.

2 | Die Ursprünge des Rhein-Main-Donau-Kanals

Der Ludwig-Donau-Main-Canal, der Vorgänger des heutigen Rhein-Main-Donau-Kanals, erstreckte sich von der Donau bei Kehlheim bis zum Main bei Bamberg. Die 172 Kilometer lange Wasserstraße wurde zwischen 1836 und 1846 erbaut. Möglich machte dies der 1835 gegründete Actienverein, der die Finanzierung des Kanalprojekts sicherstelle. Die alte Gründeraktie trägt eine Original-Unterschrift von Carl Meyer Freiherr von Rothschild. In Wiesbaden ersteigerte sie ein Sammler für 25.000 Euro. Es ist nur ein weiteres Stück davon bekannt. Dies kam 1994 für damals 60.000 DM (30.800 Euro) bei der legendären Berwein-Auktion unter den Hammer. Auf den erfolgreichen Ersteiger in Wiesbaden kann man also neidisch sein.

3 | Die Studios von Charlie Chaplin

Charlie Chaplins Unterschrift macht dieses Papier so wertvoll, das zudem auf seinen Halbbruder Sydney (“Syd”) Chaplin ausgestellt ist. Der Ausruf lag bei 11.000 Euro, für doppelt so viel fand das Zertifikat einen neuen Eigentümer. Der große kleine Mann des Stummfilms und sein Bruder und Manager handelten im Verlauf Chaplins Karriere einen Vertrag über acht Filme bei First National aus – für eine Vorabzahlung von einer Million Dollar. Chaplin wurde damit sein eigener Produzent, behielt die Rechte an seinen Filmen und ließ 1917 in Hollywood The Chaplin Studios nach eigenen Vorstellungen errichten. Zeitweise kam es zu Streitigkeiten mit First National. So gründete er 1919 mit anderen Größen des Filmbusiness die United Artists, eine der noch heute bekanntesten Filmschmieden der Welt. Unter diesem Label entstand sein erster dramatischer Film, der aber beim Publikum floppte. Anfang der 40er-Jahre erschien „Der große Diktator“, eine Parodie auf Adolf Hitler und den Militarismus. Von dem Chaplin-Papier sind zwar zehn Stücke bekannt, es gibt aber nur fünf auf denen Charlie und sein Bruder Sydney persönlich unterzeichnet haben.

4 | Das wirklich älteste Wertpapier der Welt

Erfahrene Sammler mag dieses Papier langweilen – immer wieder wird die Vereinigte Ostindische Compagnie, kurz VOC, die erste Aktiengesellschaft der Neuzeit, als das Paradebeispiel für das Sammelgebiet von Nonvaleurs herangezogen. Doch VOC-Papiere haben ihre Liebhaber und dieses im Speziellen zu recht. Die Anleihe über 2.500 flämische Pfund mit einer Verzinsung von 6,5 Prozent vom 22. April 1623 ist das älteste verfügbare Wertpapier der Gesellschaft und damit ein Stück von wirtschaftshistorischer Bedeutung. Der Ausruf bei der FHW-Jubiläumsauktion in Frankfurt lag bei 18.500 Euro, der Hammer fiel bei 26.000 Euro.

5 | Die China-Russland-Connection

Dieses Unikat aus St. Petersburg vereint zwei Sammelleidenschaften, die voll im Trend liegen: chinesische und russische Papiere. Die Anleihe von 1897 über 500 Rubel mit einer Verzinsung von vier Prozent der Chinesischen Ostbahn fand auf der Auktion von Mario Boone ihren neuen Besitzer zum Startpreis von 15.000 Euro. Die Eisenbahn verband Südost-Sibirien via Nordost-China mit der Hafenstadt Vladivostok. Die Gesamtstrecke mit mehr als 1000 Brücken und neun Tunneln war 1500 Kilometer lang. Am 1. Juli 1903 fuhren die ersten regulären Züge. 1952 übergab die UdSSR alle Rechte an der Gesellschaft der Volksrepublik China.

6 | Der Turn-Verein ohne Zinsen und Zuschlag

Der Anteilsschein über 5 Mark vom 20. April 1885 kam in Wiesbaden für 1400 Euro zum Ausruf und stammt aus einer sehr alten Sammlung. Allerdings fand er trotz der schönen Gestaltung keinen Abnehmer für diesen Preis. Er diente zur Finanzierung eines Turnhallenbaus und war ohne Verzinsung. Der Turnverein wurde bereits 1824 gegründet. Heute ist der TV Offenbach am Main 1824 unter anderem in den Bereichen Basketball, Karate, Leichtathletik, Turnen und Volleyball aktiv.

7 | Die erste Eisenbahngesellschaft der Welt

Die Derby Canal Company – Little Eaton Railway wurde 1793 gegründet. Bereits aus dem Text auf der Aktienurkunde selbst geht hervor, dass die eingeworbenen Mittel sowohl für den Bau eines Kanals wie auch einer Eisenbahn bestimmt sind. 1795 wurde sowohl der erste Kanalabschnitt als auch die erste Bahnstrecke eröffnet. Die pferdebetriebene Bahn war bis 1908, der Kanal bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Betrieb. Erst am 24. Juni 1974 konnte die Liquidation der Gesellschaft schließlich abgeschlossen werden. Die Gründeraktie der laut Auktionator ältesten Eisenbahngesellschaft der Welt ist etwa 3.000 Euro wert.

8 | Der Neue Markt des 19. Jahrhunderts

Einen der originellsten Schwindel des 19. Jahrhunderts hat der aus Böhmen stammende Porzellanmacher Franz Gustav Wolff gelandet. Er bezeichnete seine Augsburger Gesellschaft als „die deutsche General-Central-Maschinen-Bau-Direction für ganz Europa“. Die Behauptung eine Fahrmaschine von 60 PS fertig konstruiert zu haben, die ganz ohne Brennmaterialien laufen sollte, in der Leistung auf 2.000 PS zu steigern sei und die Dampfmaschine bald völlig ersetzen würde, nahmen ihm viele Anleger ab. Das klingt noch heute irrwitzig, doch seinerzeit gab es keine Börsenkurse und Informationen auf Computern. Der Text der Aktie spricht unmissverständlich von “I. Classe der Stamm-Actien mit nur viertausend Stück”, doch nicht einmal die Tatsache, dass Wolff noch Nummern weit jenseits der 5000 unters Volk brachte, öffnete den vor Gier blind gewordenen Aktienzeichnern die Augen. Der Schwindel klappte so gut, dass Wolff ihn einige Jahre später noch einmal in Österreich abzog. Sieben Stücke sind bekannt, eines davon besitzt inzwischen das Deutsche Museum in München. Die Aktie über ein Perpetuum Mobile wechselte 2011 den Besitzer für 4.200 Euro (Ausruf 3.000 Euro).

9 | Der Dachbodenfund des Jahres

Dieses Papier ist ein echter Dachbodenfund in einer alten Fabrikantenvilla gewesen. Und ein wahrer Schatz, ging die alte Aktie doch für 14.000 Euro in neue Hände. Das Besondere an dem Stück: Daniel Morian hat die Aktie im Original unterschrieben. Der Wegbereiter des Bergbaus im Raum Duisburg-Hamborn arbeitete eng mit der Familie Haniel zusammen. Er fand 1856 erstmalig in der Region Steinkohle in der Nähe der späteren Duisburger Straße. 1867 gründete Morian die Gewerkschaft Hamborn, die unter dem Eindruck der Reichsgründung am 3. November 1871 in Gewerkschaft Deutscher Kaiser umbenannt wurde. Deutscher Kaiser nahm 1876 die Förderung auf. Sechs Jahre später begann August Thyssen die Kuxe (Anteilsscheine) der Gewerkschaft aufzukaufen. Die Gewerkschaft Deutscher Kaiser gilt als die Keimzelle des Thyssen-Konzerns. Die Zeche Neu-Duisburg wurde 1854 aus fünf Grubenfeldern konsolidiert. 1876 erfolgte die endgültige Stillegung aufgrund hoher Wasserzuflüsse.

10 | Der schicksalshafte Wagen im Jugendstil

Erst im Nachverkauf fand dieses schöne Jugendstil-Stück für 6.000 Euro in eine neue Sammlung. Die Abbildung zeigt den 1902 erschienenen neuen Benz „Parzival“. Der Wagen, benannt nach dem Helden des Epos von Wolfram von Eschenbach, sollte der ganz große Wurf werden, verursachte jedoch so viele Probleme in der Benz‘schen Fabrik, dass eben deswegen Carl Benz 1903 seinen Abschied nahm. Ironie des Schicksals: 1926 schlossen sich dann Daimler und Benz zu einer Gesellschaft zusammen. Ein solches Stück ist seit Jahren nicht mehr versteigert worden.

(Fotos und Quelle für Texte: FHW, HWPH, Mario Boone, eigene Recherche. Der Artikel ist zuerst bei hankes-boersen-bibliothek.de erschienen.)

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